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Twin Power: Roncalli-Direktor Bernhard Paul sammelt Zwillinge

Veröffentlicht 19. Dezember 2012 von Sebastian Hofer in profil.at

Twin Power

Twin Power

Roncalli-Direktor Bernhard Paul sammelt nicht nur Kaffeehäuser, Messerbänkchen, alte Beatles-Verstärker und Fahrraddynamos. Sondern auch Zwillinge. Streifzug durch eine vielsagende Kollektion.

Von Sebastian Hofer

Irgendetwas funktioniert hier nicht. David, der Computerspezialist aus Deutschland, verschwindet hinter dem wandfüllenden Flachbildschirm, steckt WLAN-Kisten an und ab, startet Laptops neu, verlegt Kabel. Bernhard Paul thront auf seiner Wohnzimmercouch und verfolgt das Gestecke barfuß, im Hawaiihemd und mit großer Gelassenheit, seine dunkelrosa getönten Brillengläser helfen dabei möglicherweise. Eigentlich hat der Roncalli-Direktor ja keine Zeit für Computerprobleme, denn eigentlich will er jetzt seine legendäre, der Öffentlichkeit bis dato sträflich vorenthaltene Zwillingssammlung präsentieren, und dafür braucht er seinen Computer. Außerdem ist er nur auf Kurzbesuch in Wien, zwei Tage bloß, dann geht es zurück nach Hannover, weiter nach Lübeck, Schwerin, Köln, der Roncalli-Direktor hat gerade viel zu tun, er hat immer viel zu tun. Paul würde gern ein Bier anbieten, hat aber nur Wasser im Haus, keine Zeit zum Einkaufen. „Mein ¬Leben ist verpfuscht“, sagt er und meint es eher nicht so ernst.

Einer der ganz Großen

Während der Computerspezialist am WLAN bastelt, führt Paul einen ZDF-Bericht über sein jüngstes „Bajazzo“-Projekt in Schwerin vor. „Einer der ganz Großen“ sei dieser Bernhard Paul, sagt der Moderator zur Einführung, und: „einer vom fahrenden Volk“. Das stimmt nur halb, Bernhard Paul reist meistens mit dem Flugzeug. Aber ein Großer ist er zweifellos. Seit dreißig Jahren zählt er mit seinem Circus Roncalli zur Creme der europäischen Live-Unterhaltungsbranche. Das soll heute aber nicht das Thema sein, heute solle es um seine Sammlungen gehen, und um eine ganz spezielle, weil ganz private: Bernhards Zwillingssammlung. Aber um die vorzuführen, braucht er seinen Computer, und der streikt. Gut, führt er halt durch seine Wohnung.

Dass man vom Wohnzimmerfenster auf den Naschmarkt-Flohmarkt hinuntersieht, ist kein Zufall, und man sieht es der Wohnung auch an. In Vitrinen, auf Stellagen, unter Glas und auf dem Boden: Altwaren aller Art. Antike Kaffeehauseinrichtungen, komplett bis zur Zuckerdose. Porzellanfrüchte, Postkarten, Poster. Stilmöbel und Ölschinken. Zu jedem Stück eine Geschichte. „Ich war schon immer ein großer Aufheber vor dem Herrn“, sagt Paul und untertreibt. „Das ist natürlich nicht mehr normal. Beziehungsweise schon normal. Ich verstehe ja nicht, warum manche Leute nichts sammeln. Ich habe mittlerweile Hunderte Sammlungen.“ Das war keine Untertreibung. Pauls Wiener Wohnung zeigt nur einen winzigen Ausschnitt seiner Kollektionen, die in Köln mehrere Lagerhallen füllen. Da wäre seine Zirkussammlung, inklusive 200 alter Wägen. Seine Beatles-Sammlung, inklusive Gitarren, Verstärkern, Anzügen und Schlagzeug aus der Hamburger Star-Club-Zeit. Seine Schaufensterpuppen-, seine Wachskopfsammlung. Seine Messerbänkchen-, seine Fahrraddynamosammlung. Seine Sammlung alter Geschäftslokale, darunter Bäckereien, Tabakläden, Würstelstände und Cafés, teilweise inklusive Fassade. „Und da führt natürlich eines zum anderen. Wenn ich einen alten Spielwarenladen kaufe, steckt da auch eine Spielwarensammlung drinnen. Wenn ich ein altes Kino übernehme, sind da alte Kinoprogramme. Es artet alles zu einer Sammlung aus.“ Als das Berliner Luxushotel Adlon eine Ausstellung zum eigenen 100-Jahr-Jubiläum plante, fragte das Management bei Bernhard Paul an, ob er denn über alte Erinnerungsstücke aus dem Haus verfüge. Er verfügte. Die Wirtshausausstellung im Wien Museum anno 2007 wurde ebenfalls mit Paul-Exponaten bestückt. Eine Schau zum Thema „100 Jahre Odol“ im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden genauso.

Das kleine Archiv

Aber eigentlich wollte Bernhard Paul ja seine Zwillingssammlung vorführen, und das klappt jetzt auch endlich. David, der Computerspezialist, hat Wunder vollbracht, Paul nimmt wieder auf seiner Couch Platz und surft durch seinen Server: 275.000 Bilder in Tausenden Ordnern, ein halbes Terabyte digitaler Daten, Bilder seiner Sammlungen. Der Computerspezialist nickt beeindruckt, Paul wiegelt ab. „Das ist jetzt aber nur mein kleines Archiv. Das meiste hab ich noch nicht digitalisiert.“ Nach ein paar Minuten Herumgeklicke, endlich, das Gesuchte: Pauls Zwillingsbildersammlung. Diese Bilder sind nicht für Ausstellungen gedacht, sie sind des Direktors privater Spaß: kleine digitale Fotomontagen, je zwei Bilder zu einem collagiert. Die Fotos zeigen keine echten Zwillinge, sie zeigen Ähnlichkeiten, meistens zwischen Personen, manchmal zwischen Dingen, manchmal zwischen Personen und Dingen, und immer resultiert daraus ein Gag, manchmal ein liebevoller, manchmal ein gemeiner. „Schau, hier zum Beispiel: dieser neue Wintergarten vor dem Café Landtmann. Schaut aus wie eine Wursttheke, oder? Und da: Desmond Tutu und Roberto Blanco – Zwillinge!“ Paul klickt sich durch weitere Ordner, zeigt weitere Beispiele, George Harrison und Jassir Arafat, Michael Häupl und Josef Weinheber. Bernhard Paul ist selbst ganz begeistert: „Ich habe ja ein fotografisches Gedächtnis. Einmal Art-Direktor, immer Art-Direktor.“ Nach seiner Ausbildung an der Grafischen arbeitete Paul in den siebziger Jahren als Cheflayouter für profil, sein Blick für das Ähnliche war da schon bestens geschult. „Das war ja schon an der Grafischen eine Lieblingsbeschäftigung vom Manfred Deix und mir: Leute mit anderen Leuten vergleichen, rein optisch jetzt. Wenn wer schiach war, hieß es: Jö, schau, der Helnwein. Das ist schnell zu einem Running Gag geworden.“

Gags sind diese Zwillingspärchen noch immer, und sie sind es auch in erster Linie. In zweiter Linie steckt in diesen Bilderduetten aber auch eine Wahrheit, die man nicht beschreiben, nur sehen kann. Lässt man eine Außenansicht der Albertina mit einem Bild der Innsbrucker Skisprungschanze kollidieren, ist das erst einmal lustig, zweitens aber auch ein böser Kommentar zum Eventkulturbetrieb. Stellt man Michael Jackson einer ägyptischen Statue gegenüber, wird er plötzlich zu „Michael Jackson“, einem in Stein gemeißelten Image.

Der revolutionäre sowjetische Filmemacher Sergej Eisenstein nahm in seiner Theorie von der Filmmontage das Prinzip der Zwillingsbilder vorweg: „Meiner Ansicht nach ist aber Montage nicht ein aus aufeinanderfolgenden Stücken zusammengesetzter Gedanke, sondern ein Gedanke, der im Zusammenprall zweier voneinander unabhängiger Stücke entsteht.“ Im Unterschied zu Eisenstein besteht Bernhard Paul aber auch auf dem Spaß am blöden Schmäh, etliche davon entziehen sich der Druckreife. Wie viele dieser Zwillingspärchen Bernhard Paul im Lauf der Jahre gesammelt hat, kann er selbst nicht so genau sagen, auf seinem Server ist einiges verschollen oder sonstwie außer Griffweite, und das bemerkt der Direktor in diesem Moment auch selbst. Paul verstummt und konzentriert sich. Geduldig und ohne weiteren Kommentar werden jetzt Ordner verschoben und Bilder umgeschichtet, der Direktor ist ganz bei sich und seinen Zwillingen, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten lang, er scheint richtiggehend hypnotisiert von dem Projekt, hier jetzt ein wenig Ordnung zu schaffen. Bernhard Paul versinkt in seiner Couch und sieht plötzlich aus wie ein Computerspezialist. Das ist dann wohl ein Sitting Gag.

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